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Pfarrer i. R. Rainer Koch: Gedanken anläßlich 75 Jahre Kriegsende

Liebe Schwestern und Brüder,

am 8. Mai vor 75 Jahren war das Ende des zweiten Weltkrieges für Europa. War es ein Tag der Befreiung, ein Tag der Niederlage, ein Tag des Aufatmens? Es war für die Überlebenden der Beginn einer neuen, aber auch schweren Zeit. Ungewisses brach an. Viele Soldaten waren vermisst oder in Gefangenschaft. Wann und wenn überhaupt würden sie zurückkommen? 

Erst einmal waren die Menschen froh, dass die Schrecken des Krieges mit unvorstellbaren Gräueltaten vorbei waren. In den meisten Ländern Europas feierte man das Ende der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft. 26 Millionen Tote hatten die Menschen der Sowjetunion zu beklagen. Im letzten Kriegshalbjahr gaben es die meisten Opfer, vor allem auch unter der Zivilbevölkerung. „Nie wieder Krieg!“ wurde deshalb zu einem verständlichen Motto der Nachkriegszeit. Die Vereinten Nationen, die UNO, entstanden. Vor ihrem Gebäude in New York steht ein Denkmal, übrigens damals gestiftet von der Sowjetunion. Es stellt einen Menschen dar, der ein Schwert in eine Pflugschar umschmiedet, nach einem Text aus dem Propheten Micha, Kapitel 4, Vers 3: 

Er wird unter vielen Völkern richten und mächtige Nationen zurechtweisen in fernen Landen. Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.

Propheten Micha, Kapitel 4, Vers 3

Auch im Neuen Testament, in der Bergrede Jesu heißt es: „Selig sind die Friedfertigen“  und „Du sollst Deine Feinde lieben“, das bedeutet, man soll, um eine Eskalation von Gewalt zu verhindern, nicht Gleiches mit Gleichem vergelten, und statt zurück zu schlagen, lieber erst einmal einstecken (Beispiele: Ghandi und  später Martin Luther-King).

 Die Vereinten Nationen sollten den Frieden garantieren. Aber bald schon brachen neue Konflikte zwischen West und Ost aus: Stellvertreterkriege in Indochina und Korea, später in Vietnam. Die Vorsätze nach dem schrecklichen Weltkrieg waren vergessen. Deutschland wurde wiederbewaffnet. Mein Onkel Heinz war kurz zuvor, nach 11 Jahren, aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrt und trat kurz darauf in die neugegründete Bundeswehr ein. Der kalte Krieg hatte begonnen. Ich selbst leistete 1966 den Eid auf das deutsche Volk- nicht mehr auf irgendeinen Führer- und unsere Verfassung. Ich glaubte damals als „Bürger in Uniform“ mit meinem kleinen Beitrag als Soldat verhindern zu können, dass es je zu einem Atomkrieg kommen würde, der uns alle vernichtet hätte. Die Friedenspolitik Deutschlands „Wandel durch Annäherung“ und die Politik der Sowjetunion „Perestroika“ führte schließlich mit zum Ende des Kalten Krieges. In der Friedensbewegung der DDR wurde das Motto „Schwerter zu Pflugscharen“ übernommen. Der oben gezeigte Aufkleber bezog sich auf den Text Michas und auf das sowjetische Denkmal. Mit der Wiedervereinigung und dem Ende des „eisernen Vorhangs begann eine neue Zeit der Hoffnung. 

Seit einiger Zeit nach diesem erstaunlichen Ereignis werden wieder Kriege geführt, auch unter Christen im Balkan, auf Lügen aufgebaut im Irak, im Namen Allahs, Kriege gegen islamistischen Terror. Nach Kündigung des Atomwaffensperrvertrags droht wieder ein Wettrüsten und „Kalter Krieg“. Ja, atomare Abschreckung sei wieder wichtig. Die USA sind durch ihren Präsidenten unzuverlässig und unberechenbar geworden. US-Kampfflugzeuge sollen von der Bundeswehr als Träger atomarer Systeme als Ersatz für ein veraltetes Flugzeug angeschafft werden. Grössere deutsche Rüstungsausgaben werden gefordert.

Die weltweite Coronapandemie deckt schonungslos die Schwächen in unserem System auf.

Ein Text aus dem Brief des Propheten Jesaja erinnert mich an die heutige Situation:

30 1 Der HERR sagt: »Weh euch, meine eigensinnigen Kinder! Ihr führt Pläne aus, mit denen ich nichts zu tun habe. Ihr schließt Bündnisse gegen meinen erklärten Willen. Damit häuft ihr Schuld auf Schuld.
2 Ohne mich um Rat zu fragen, lauft ihr nach Ägypten, um beim Pharao Schutz zu suchen und euch im Schatten Ägyptens unterzustellen.
3 Doch ihr werdet eine große Enttäuschung erleben und gedemütigt wieder heimziehen, denn der Pharao kann euch nicht beschützen und Ägypten euch keine Zuflucht bieten.

Jes 30,1-3.8-15 (Gute Nachricht neu)

Ein Volk, das nur hören will, was ihm gefällt

8 Der HERR befahl mir: »Nimm eine Schreibtafel und schreib darauf vor den Augen dieser Leute mein Urteil über sie. Ritze es als Inschrift für alle Zeiten ein, es soll für immer erhalten bleiben. 9 Sie sind ein eigensinniges Volk. Meine Kinder wollen sie sein, aber sie sind Lügner; denn sie wollen nicht hören, was ich, der HERR, von ihnen verlange. 10 Zu den Sehern sagen sie: ‚Ihr sollt nichts sehen!‘, und zu den Propheten*: ‚Ihr sollt keine Offenbarungen* haben! Sagt uns nicht, was recht ist, sondern was uns gefällt! Lasst uns doch unsere Illusionen! Weicht von der Wahrheit ab und lasst uns in Ruhe mit eurem heiligen Gott Israels!‘

12 Deshalb sage ich, der heilige Gott Israels: ‚Ihr wollt nicht hören, was ich euch sage, und verlasst euch auf Gewalt und Betrug. 13 Diese Schuld bleibt nicht ohne Folgen: Ihr gleicht einer hohen Mauer, die einen Riss bekommen hat. Er läuft immer tiefer und wird immer breiter, und plötzlich stürzt die ganze Mauer ein. 14 Es wird euch ergehen wie einem Tontopf, der so gründlich zerschmettert wird, dass sich unter seinen Scherben kein Stück mehr findet, mit dem man Glut aus dem Ofen nehmen oder Wasser aus einer Pfütze schöpfen könnte.’«       15 Der HERR, der heilige Gott Israels, hat zu euch gesagt: »Wenn ihr zu mir umkehrt und    stillhaltet, dann werdet ihr gerettet. Wenn ihr gelassen abwartet und mir vertraut, dann seid ihr stark.«

Ich glaube, es ist kein Zufall, dass dieser Text mir in diesen Tagen in Einnerung kam: Es wird Zeit, dass wir uns nicht  mehr nur auf andere Mächte verlassen: Europa ist die Chance für den Frieden. Wir sollten nicht nur auf das hören, was uns und bestimmten Politikern egoistisch gefällt. Nationalistische Engstirnigkeit ist nicht gut, unter anderem bei einem Land, das vom Export abhängig ist. Gott ist für alle Menschen gleichermassen da. Es ist auf das zu achten, was ans Licht kommt und demnach zu handeln: den Schwachen zu helfen, die Würde aller Menschen zu achten. Mit einem positiven Beispiel aus Asien möchte ich schliessen. Ich verdanke sie der jetzigen koreanischen Ehefrau des Altbundeskanzlers Schröder: Die Masken, die wir wie selbstverständlich und häufig im Alltag in Korea und auch in Japan sehen, werden auch bei leichteren Infektionen vor allem zum Schutz der anderen Menschen getragen. Das ist Bestandteil dieser Kulturen. Dies würde uns in einer angeblich christlich geprägten Gesellschaft gut anstehen. Vor allem wünsche ich Ihnen und uns allen mehr Gottvertrauen und damit auch eine gute und wieder bessere Zeit. Allen, die nicht gut dran sind, krank oder traurig und ohne Hoffnung, wünsche ich Menschen, die ihnen zur Seite stehen und Gottes Segen.

Ihr

Rainer Koch

Tel.: 0681/40177086

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