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Liebe Schwestern und Brüder,

normalerweise haben wir hier in der Gemeinde, gerade jetzt im Frühling, Taufen und Hochzeiten. Bei solchen Gelegenheiten habe ich dann immer wieder Stammbücher in der Hand, so wie dieses hier. Allerdings wird das weniger. Viele Paare lassen sich nur noch eine Hochzeits- oder eine Geburtsurkunde ausstellen. — Ich finde das eigentlich schade. Ich kann mich nämlich noch gut erinnern, wie ich als Kind im Wohnzimmerschrank einige alte Familienstammbücher gefunden habe, die ein paar Generationen abgedeckt haben. Ich habe dann zusammen mit meiner Mutter die Bücher durchgesehen. Da gab es einen Jakob, eine Käthe oder eine Luwis-oma; und meine Mutter hat mir zu jedem einzelnen etwas erzählen können. Irgendwann haben wir dann noch eine Kiste mit alten Fotos dazu genommen und so haben meine Vorfahren, die ich ja nie kennen gelernt hatte, plötzlich ein Gesicht bekommen. Ich habe damals zum ersten Mal bewusst wahrgenommen, dass ich in einer langen Reihe von Menschen stehe, die mir vorausgegangen sind, und mit denen ich überraschend viel gemeinsam habe. Mit einer Art Stammbuch haben wir es in unserem heutigen Bibeltext zu tun:

[Text: Hebr 11,8-10]

Der Verfasser des Hebräerbriefs wirft mit uns einen Blick in das Stammbuch der Kinder Gottes. Und auch die haben etwas gemeinsam: Nämlich den Glauben an Gott über viele Generationen hinweg. Es ist eine Glaubensfamilie, in die der Verfasser die Gemeinden, an die er schreibt, einreiht. Es sind Gemeinden, die eine Zeit der Krise erleben; eine Krise, die auch ihren Glauben auf die Probe stellt. Für sie soll die Glaubensfamilie ein Vorbild sein.

Wenn ich dieses 11. Kapitel des Hebräerbriefs aber ganz lese, dann denke ich: Meine Güte das ist ein ganz schön hoher Anspruch der da gestellt wird. Denn da ist eine illustre Gesellschaft versammelt. Wir hören von Abel, dessen Opfer von Gott aufgrund seines Glaubens angenommen worden sei; wir hören von Henoch, der so Gottesfürchtig war, dass er noch zu Lebzeiten zu Gott entrückt worden ist. Dann ist da Noah, wir kennen ihn. Auf das bloße Wort Gottes hin hat er eine Arche gebaut, obwohl von einer Flut noch nichts zu sehen war. Später gesellen sich noch Mose und viele andere Glaubenszeugen dazu. Am Ende finden wir uns in einer Wolke von Glaubenszeugen wieder; so nennt es der Hebräerbrief.

So eine Wolke von Vorbildern im Glauben kann ziemlich erdrückend sein, finde ich. Wie soll man denen gerecht werden? – Allerdings: Ich glaube nicht, dass die Botschaft des Verfassers heißt: “Gehe hin und tue desgleichen.” Sondern er will die Menschen, die das lesen trösten. „Schaut her, so haben eure Vorfahren auf ihren Wegen, die nicht immer leicht waren, im Glauben Kraft und Mut gefunden.

Und deshalb gibt er am Anfang zuerst einmal eine Antwort auf die Frage, was Glaube eigentlich bedeutet. Hier ist die einzige Stelle in der Bibel, an der so etwas wie eine Definition des Glaubens versucht wird. Es heißt da: “Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.

Aber wird so eine Definition, wie wird Glaube greifbar? Unser Blick ins Stammbuch bleibt heute bei Abraham stehen. An ihm kann man besonders gut erkennen, was Glaube bedeutet. Da heißt es ja: “Er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme.” Auf Gottes Verheißung hin verlässt er alles und zieht ins völlig Ungewisse. Sein Glaube erweist sich als “eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.

Nicht wissen, wo wir hinkommen, Ungewissheit. Das erleben wir doch gerade auch! Wir konnten uns das bis vor kurzem nicht vorstellen. Wir richten uns ja gerne ein. Die meisten von uns brauchen Sicherheit im Leben. Wir konnten uns nicht vorstellen, dass wir innerhalb ziemlich kurzer Zeit in eine Situation kommen, in der diese Sicherheit nicht mehr da ist. Wir haben es auf einmal nicht mehr wirklich in der Hand, wohin unsere Wege uns führen. Wir erleben ungewisse Zeiten mit ungewissem Ausgang.

Für die Kirchengemeinde ist das ähnlich. Wir sollen in diesen Wochen auf Distanz bleiben; und das ist wirklich sehr, sehr wichtig. Aber gleichzeitig wollen wir auch die Nähe zu unseren Gemeindegliedern nicht verlieren. Dieses Medium, unsere Homepage und viele Angebote des Kirchenkreises im Internet, helfen uns dabei. Aber ich bin ehrlich. Ich habe mir das bis vor vier Wochen auch nicht vorstellen können. Einmal zu einer Kamera zu sprechen. Für mich und für manch anderen ist das absolutes Neuland. Das ist wie ein Sprung ins kalte Wasser.

Und wir wollen nicht vergessen: Auch jenseits von Corona werden Menschen immer wieder auf neue Wege geführt. Das können berufliche Veränderungen sein; das kann der Beginn oder das Ende einer Freundschaft oder Partnerschaft sein. Mancher muss sich wegen einer Krankheit neu orientieren. Andere gehen ihre Wege zukünftig ohne einen lieben Menschen, weil der verstorben ist.

Solche Erfahrung müssen wir in unserem Leben immer wieder machen: Wir erreichen ein Ziel, wir kommen an und müssen dann erkennen, dass auch unsere Ziele nicht immer von Dauer sind. Auch dafür ist Abraham ein Beispiel geworden. Er hat sein Ziel, das verheißene Land, ja erreicht. Aber er ist dort immer ein Fremder geblieben. Er und seine Nachkommen haben in Zelten gelebt, heißt es im Hebräerbrief. Besser kann man es nicht ausdrücken, dass sie auch im Land Kanaan immer wieder zum Aufbruch bereit waren; sie waren sich bewusst, dass in unserem Leben nichts für die Ewigkeit eingerichtet ist. Am Ende seines Briefes fasst es der Schreiber so zusammen: “Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Woher nehmen wir den Mut und die Kraft, uns immer wieder auf den Weg zu machen? – Wenn wir unsere Hoffnung nur auf das setzen, was vergänglich ist, wie wir’s immer wieder schmerzlich erleben, dann werden wir immer wieder enttäuscht und müssten am Ende vielleicht verzweifeln. – Ich glaube, es sind zwei Dinge, die wir am Beispiel Abrahams lernen können.

Das erste soll eine Geschichte verdeutlichen, die der evangelische Theologe Ernst Lange erzählt hat: Es ist die Geschichte von zwei Jungen, etwa vier oder fünf Jahre alt, die gemeinsam einen gefährlich Ort für ihr Spiel entdeckt hatten – eine alte, halbverfallene Mauer. Die beiden jagen über die bröckelnden Steine und springen über große Lücken im Gemäuer. Schließlich kommen sie an eine Stelle, wo die Mauer bis auf den Grund herunter abgebrochen ist. Sie kommen nicht weiter. Und da stürzt auch der Mauerrest hinter ihnen ein, und so sind sie plötzlich gefangen in schwindelnder Höhe. Sie rufen um Hilfe. Und tatsächlich, sie werden gehört. Ein Mann kommt, stellt sich an den Fuß der Mauer, breitet die Arme aus und sagt: „Springt, ich fange Euch auf!“

Ein riskanter Sprung. Mehrere Meter aus der Höhe in die Arme dieses Mannes. Ein Wagnis.

Das spürt der eine der beiden Jungen, kauert sich auf die Mauerreste und wartet wahrscheinlich darauf, dass die Feuerwehr ihn rettet. Der andere springt, ohne zu zögern.

Die Frage ist, warum der eine Junge den Mut zum Springen hat, der andere nicht. Die Antwort ist nicht schwer. Der Junge springt, weil der Mann, der da unten mit ausgebreiteten Armen auf ihn wartet, sein Vater ist. Er vertraut ihm blind.

Das ist es, was Abrahams Glaube so fest macht, das Wissen, dass er nicht ins Leere springt, wenn er sich auf den Weg macht, sondern dass Gott mit offenen Armen dasteht und bereit ist, ihn aufzufangen. Darin wird uns Abraham zum Vorbild: Wir haben, wie er, einen Vater, der uns auffängt. Gott, der so vielen Generationen vor uns die Treue gehalten hat, der wird auch uns nicht loslassen.

Und da ist noch etwas: Uns als christliche Gemeinde weist das Beispiel Abrahams auch auf Jesus Christus hin. In Abrahams Glaubensweg wird der Weg Jesu abgebildet. Jesus hat das Haus seines Vaters verlassen, er ist zu uns auf die Erde gekommen. Auch er lebte unter uns wie ein Fremder. Bis hin zum Kreuz. “Er kam in sein Eigentum und die Seinen nahmen ihn nicht auf”, so sagt es der Evangelist Johannes.

Aber Jesus Christus ist für uns mehr als nur Vorbild. In seiner Auferstehung ist die Stadt Gottes, das feste Fundament, auf das wir mit Abraham warten, schon Wirklichkeit geworden unter uns. Was uns deshalb trägt, wenn wir uns auf neue Wege machen müssen oder wenn wir ins kalte Wasser springen, ist mehr als Gottvertrauen. Es ist Nachfolge auf dem Weg, den Jesus uns vorbereitet hat.

Durch die Taufe gehören wir zu ihm und sind ins Stammbuch eingetragen als Kinder Gottes. Deshalb können wir in unserem Leben voll Vertrauen Aufbrüche wagen, auch wenn es uns einmal auf ganz neue, unbekannte Wege führt. Amen.

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